
Zusammenfassend:
- VR-Therapie ermöglicht durch kontrollierte und graduell steigerbare Exposition eine oft schnellere Angstbewältigung als traditionelle Methoden.
- Ein strukturierter 7-Phasen-Ansatz, von der Anamnese bis zur Nachsorge, ist entscheidend für den therapeutischen Erfolg und die Patientensicherheit.
- Die Prävention von Cybersickness durch technische und methodische Anpassungen ist eine Grundvoraussetzung für die Akzeptanz und Wirksamkeit von VR-Interventionen.
- Der klinische Nutzen muss durch validierte Metriken (z. B. SUDS, Biofeedback) und standardisierte Fragebögen objektiv evaluiert und nachgewiesen werden.
Für Therapeuten und Pädagogen ist die größte Herausforderung oft nicht die Behandlung selbst, sondern der Transfer der erlernten Fähigkeiten in den Alltag der Patienten. Traditionelle Methoden wie die Exposition in vivo oder in sensu stoßen hier an Grenzen: Sie sind schwer zu dosieren, schlecht reproduzierbar und für Patienten mit extremen Ängsten oft eine unüberwindbare Hürde. Die gängige Antwort darauf war bisher eine mühsame graduelle Annäherung, die Geduld und Ressourcen auf beiden Seiten stark beanspruchte.
Doch was wäre, wenn Sie die Realität nicht nur nachbilden, sondern gezielt steuern, wiederholen und messen könnten? Genau hier setzt die Virtual Reality (VR) an. Die landläufige Meinung reduziert VR oft auf ein spektakuläres Unterhaltungsmedium. Ihr wahres therapeutisches Potenzial liegt jedoch nicht in der Immersion allein, sondern in ihrer Fähigkeit, als präzise dosierbares klinisches Instrument zu dienen. Sie erlaubt es, Expositionsszenarien zu schaffen, die in der Realität zu gefährlich, zu teuer oder schlicht unmöglich wären, und diese exakt an den Fortschritt des Patienten anzupassen.
Dieser Artikel verlässt bewusst die Ebene der technischen Faszination und bietet Ihnen einen fundierten, praxisorientierten Leitfaden. Er zeigt Ihnen, wie Sie VR-Interventionen strukturiert planen, typische Fallstricke wie Cybersickness vermeiden und vor allem, wie Sie die Wirksamkeit Ihrer Arbeit valide evaluieren. Ziel ist es, Ihnen das Rüstzeug an die Hand zu geben, um VR von einer vielversprechenden Technologie zu einem festen, nachweisbar wirksamen Bestandteil Ihres therapeutischen oder pädagogischen Repertoires zu machen.
Um die Potenziale und Herausforderungen des VR-Einsatzes systematisch zu beleuchten, gliedert sich dieser Leitfaden in praxisrelevante Abschnitte. Sie erfahren, warum VR wirkt, wie Sie Interventionen strukturieren, wann sich der Einsatz wirklich lohnt und wie Sie den Erfolg messbar machen.
Inhalt: Wie Sie Virtual Reality als evidenzbasiertes Werkzeug meistern
- Warum überwinden Patienten Ängste in Virtual Reality schneller als in der Realität?
- Wie Sie VR-Expositionstherapie in 7 Phasen strukturieren vom Assessment bis zur Nachsorge
- VR-Training oder klassisches E-Learning: Wann lohnt sich der VR-Aufwand?
- Warum brechen 25% der VR-Nutzer Sessions wegen Übelkeit ab?
- Wie Sie den Impact von VR-Interventionen valide evaluieren
- Wie Sie VR-Therapie in 4 Schritten in die klinische Routine integrieren
- Wie Sie VR-sensible Patientengruppen identifizieren und mit adaptiven Strategien schützen
- Wie Sie personalisierte VR-Diagnostik und -Therapie in Ihre Versorgung integrieren können
Warum überwinden Patienten Ängste in Virtual Reality schneller als in der Realität?
Die beschleunigte Wirkung der VR-Therapie, insbesondere bei Phobien, beruht auf einem psychologischen Schlüsselprinzip: dem Gefühl der Präsenz in einer kontrollierten Umgebung. Das Gehirn reagiert auf die virtuellen Reize so, als wären sie real. Angst, Stress und physiologische Reaktionen werden ausgelöst, aber der Patient weiß gleichzeitig rational, dass er sich in einem sicheren Raum befindet. Diese duale Wahrnehmung ist der entscheidende Faktor: Sie ermöglicht eine Konfrontation, die intensiv genug ist, um eine Habituation zu bewirken, aber sicher genug, um einen Abbruch der Therapie zu verhindern.
Im Gegensatz zur realen Welt kann der Therapeut die Intensität des Reizes exakt dosieren. Bei Höhenangst kann die virtuelle Höhe metergenau angepasst, bei Spinnenphobie die Anzahl und Nähe der Tiere präzise gesteuert werden. Diese steuerbare Graduierung senkt die Hemmschwelle für den Patienten, sich der Angst überhaupt auszusetzen. Studien belegen die beeindruckende Wirksamkeit dieses Ansatzes. So zeigte eine Untersuchung zur Behandlung von Höhenangst eine beeindruckende Erfolgsquote nach der VR-Exposition.
Die Effektivität erklärt sich auch durch die Perfektion der Illusion, die in der Realität oft gar nicht so einfach herzustellen ist. Wie in einer Terra-X-Kolumne auf ZDF heute treffend analysiert wird:
Das liegt vermutlich daran, dass die Illusion der Höhe virtuell viel besser dargestellt werden kann.
– Terra-X-Kolumne, ZDF heute
Der Patient kann die angstauslösende Situation wiederholt und unter identischen Bedingungen erleben, bis die Angstreaktion nachlässt – ein Lernprozess, der als Extinktion bezeichnet wird. Die VR schafft somit den idealen Trainingsraum für das Gehirn, um neue, nicht-ängstliche Reaktionen auf alte Trigger zu erlernen.
Wie Sie VR-Expositionstherapie in 7 Phasen strukturieren vom Assessment bis zur Nachsorge
Eine erfolgreiche VR-Intervention ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein sorgfältig geplanter Prozess, der sich in die bewährten Strukturen der kognitiven Verhaltenstherapie einfügt. Spontane Konfrontationen ohne Vor- und Nachbereitung können kontraproduktiv sein und die Ängste sogar verstärken. Eine klare Gliederung in Phasen stellt sicher, dass der Patient Vertrauen aufbaut, die therapeutischen Mechanismen versteht und die in der VR erlernten Fähigkeiten nachhaltig in seinen Alltag überträgt. Die folgende Struktur bietet einen praxiserprobten Rahmen für die Durchführung.
Diese strukturierte Vorgehensweise gewährleistet, dass die Technologie als Werkzeug im Dienst der therapeutischen Allianz steht und nicht zum reinen Selbstzweck wird. Die Überwachung von physiologischen Daten wie Herzfrequenzvariabilität oder Hautleitwiderstand kann dabei helfen, die Reaktionen des Patienten objektiv zu erfassen und die Intensität der Exposition optimal anzupassen.

Wie die Abbildung zeigt, ist die Rolle des Therapeuten nicht passiv. Er agiert als Coach und Sicherheitsanker, der die Sitzung aktiv steuert und dem Patienten hilft, die erlebten Emotionen und Gedanken zu verarbeiten. Die therapeutische Beziehung bleibt das Fundament des Erfolgs, auch in der virtuellen Welt.
Ihr Fahrplan zur strukturierten VR-Expositionstherapie
- Anamnese & Zieldefinition: Führen Sie ein ausführliches Erstgespräch, klären Sie die genaue Problematik (z.B. spezifische Trigger, Vermeidungsverhalten) und legen Sie gemeinsam ein klares, messbares Therapieziel fest (z.B. „Eine Aufzugfahrt ohne Panikattacke bewältigen“).
- Psychoedukation & Baseline-Messung: Erklären Sie dem Patienten die Grundlagen seiner Angststörung und das Wirkprinzip der Expositionstherapie. Erfassen Sie initiale Angstlevel (z.B. mittels SUDS-Skala) und physiologische Basiswerte als Referenz.
- Kognitive Vorbereitung: Identifizieren und hinterfragen Sie gemeinsam dysfunktionale Gedanken und katastrophisierende Annahmen, die mit der Angstsituation verknüpft sind. Erarbeiten Sie alternative, realistischere Bewertungen.
- Graduierte VR-Exposition: Beginnen Sie mit einem niedrigschwelligen Szenario und steigern Sie die Intensität schrittweise, basierend auf dem Feedback des Patienten (SUDS-Werte) und objektiven Biofeedback-Daten. Begleiten Sie die Konfrontation aktiv mit beruhigenden und stützenden Interventionen.
- Transfer & Nachsorge: Planen Sie konkrete Übungen in der realen Welt, um den Transfer des Gelernten zu sichern. Führen Sie Nachsorgetermine durch, um den Erfolg zu festigen und Rückfällen vorzubeugen.
VR-Training oder klassisches E-Learning: Wann lohnt sich der VR-Aufwand?
Die Entscheidung für oder gegen VR sollte keine Glaubensfrage, sondern eine strategische Abwägung sein. Obwohl immersives Lernen enorme Potenziale birgt, ist es nicht für jeden Lerninhalt die beste oder wirtschaftlichste Lösung. Der entscheidende Faktor ist die Art des Lernziels. Klassisches E-Learning (z.B. über Videos, Texte, Quizze) eignet sich hervorragend für die Vermittlung von deklarativem Wissen – also Fakten, Regeln und theoretischen Konzepten.
Virtual Reality entfaltet ihre Stärke hingegen dann, wenn es um das prozedurale Gedächtnis und Embodied Cognition geht. Gemeint ist das Lernen durch körperliches Handeln und räumliche Interaktion. Komplexe Handlungsabläufe, wie eine heikle Operation am virtuellen Patienten oder die Wartung einer komplexen Maschine, werden durch die praktische Ausführung im virtuellen Raum wesentlich tiefer verankert als durch reines Zuschauen. Die Technologie ist ebenfalls überlegen, wenn das Training in der Realität zu gefährlich, zu teuer oder ethisch bedenklich wäre.
Der Einsatz in der Wirtschaft bestätigt diesen Trend. Laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2022 nutzen bereits 20 % der Unternehmen in Deutschland VR, und von diesen setzen 76 % die Technologie für Mitarbeiterschulungen ein, insbesondere für Sicherheitstrainings und komplexe Montagetätigkeiten. Die folgende Matrix hilft bei der Einordnung:
| Kriterium | VR optimal | E-Learning ausreichend |
|---|---|---|
| Lernziel | Prozedurales Gedächtnis, Situational Awareness | Deklaratives Wissen, Fakten, Regeln |
| Embodied Cognition erforderlich | Ja – Lernen durch körperliches Tun | Nein – Theoretisches Verständnis genügt |
| Fehlerrisiko im realen Training | Hoch (z.B. Chirurgie, Pilotentraining) | Niedrig bis mittel |
| Emotionales Lernen | Empathie, Deeskalation, Angstbewältigung | Konzeptionelles Verständnis |
| ROI-Betrachtung | Bei hoher Fehlerreduktion und Transferleistung | Bei Standardwissen und Skalierbarkeit |
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Aufwand für VR lohnt sich immer dann, wenn das „Wie“ wichtiger ist als das „Was“, wenn Handlungen und räumliches Bewusstsein trainiert werden sollen und wenn Fehler in der realen Welt gravierende Konsequenzen hätten.
Warum brechen 25% der VR-Nutzer Sessions wegen Übelkeit ab?
Trotz aller therapeutischen Potenziale gibt es eine wesentliche Hürde für den breiten Einsatz von VR: die Cybersickness. Dieses Phänomen, das sich in Symptomen wie Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen und Desorientierung äußert, ist der häufigste Grund für den Abbruch von VR-Sitzungen. Die Ursache liegt in der sogenannten Sensory Conflict Theory. Das Gehirn erhält widersprüchliche Informationen von den Sinnen: Die Augen melden eine Bewegung in der virtuellen Welt (z.B. eine Achterbahnfahrt), während das Gleichgewichtsorgan im Innenohr dem Gehirn meldet, dass der Körper still sitzt. Dieser sensorische Konflikt führt zu Verwirrung und den genannten Symptomen, ähnlich der klassischen Reisekrankheit.
Fallbeispiel: Die Sensory Conflict Theory in der Praxis
Ein Nutzer erlebt eine virtuelle Flugsimulation. Seine Augen sehen, wie sich die Landschaft unter ihm schnell bewegt, was dem Gehirn eine hohe Geschwindigkeit signalisiert. Sein vestibuläres System (Gleichgewichtsorgan) registriert jedoch keinerlei Beschleunigung oder Lageveränderung, da er physisch auf einem Stuhl sitzt. Diese Diskrepanz zwischen visueller Wahrnehmung und körperlicher Empfindung verwirrt das Gehirn und kann zu den typischen Symptomen der Cybersickness führen.
Glücklicherweise ist man diesem Phänomen nicht hilflos ausgeliefert. Durch eine Kombination aus technischer Optimierung und methodischer Anpassung lässt sich das Risiko für Cybersickness drastisch reduzieren. Moderne VR-Headsets mit hohen Bildwiederholraten (über 90 Hz) und geringer Latenz sind eine Grundvoraussetzung. Noch wichtiger ist jedoch das Design der VR-Anwendung selbst sowie die umsichtige Begleitung durch den Therapeuten.

Folgende Maßnahmen haben sich in der Praxis bewährt, um Cybersickness vorzubeugen und die Therapie für Patienten angenehmer und damit wirksamer zu gestalten:
- Hardware: Verwenden Sie ausschließlich Headsets mit einer hohen Bildwiederholrate (>90Hz) und minimaler Latenz, um die Verzögerung zwischen Kopfbewegung und Bildanpassung zu minimieren.
- Software-Design: Vermeiden Sie künstliche Kamerabewegungen (z.B. Schwenks). Bieten Sie alternative Fortbewegungsmethoden wie Teleportation anstelle von kontinuierlichem Gehen an.
- Visuelle Anker: Blenden Sie einen statischen visuellen Referenzpunkt im Sichtfeld ein, wie zum Beispiel ein virtuelles Cockpit oder eine stilisierte „Nase“.
- Anwenderführung: Führen Sie Nutzer langsam an die VR-Erfahrung heran. Die ersten Sitzungen sollten kurz sein (maximal 15-20 Minuten).
- Pausen und Atmung: Planen Sie regelmäßige Pausen ein und leiten Sie den Patienten an, sich auf eine ruhige, tiefe Atmung zu konzentrieren, besonders bei ersten Anzeichen von Unwohlsein.
- Screening: Seien Sie bei Patienten mit einer bekannten Anfälligkeit für Reisekrankheit besonders vorsichtig und gestalten Sie die Einführung noch gradueller.
Wie Sie den Impact von VR-Interventionen valide evaluieren
Der Enthusiasmus für eine neue Technologie reicht in einem klinischen oder pädagogischen Kontext nicht aus. Um die Wirksamkeit von VR-Therapie zu belegen und ihre Integration in etablierte Versorgungssysteme zu rechtfertigen, ist eine objektive und valide Evaluation unerlässlich. Die Messung des Erfolgs stützt sich dabei auf eine Kombination aus subjektiven Patientenberichten, verhaltensbezogenen Beobachtungen und, wo möglich, physiologischen Daten.
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von VR, insbesondere bei Angststörungen, ist bereits solide. Frühe Metaanalysen zeigen eine signifikante Effektstärke von d = 1,11 im Vergleich zu Wartekontrollgruppen. Das ist ein sehr starker Effekt. Um diesen Erfolg jedoch im Einzelfall nachzuweisen und den Therapieverlauf zu steuern, müssen Praktiker die richtigen Messinstrumente kennen und anwenden.
Eine zentrale Methode ist die regelmäßige Erhebung der Subjective Units of Distress Scale (SUDS). Dabei bittet der Therapeut den Patienten, sein aktuelles Stresslevel während der VR-Exposition auf einer Skala von 0 (völlig entspannt) bis 100 (maximale Angst) einzuschätzen. Ein erfolgreicher Therapieverlauf zeigt sich in einer schrittweisen Reduktion der SUDS-Werte bei wiederholter Konfrontation mit demselben Reiz. Ergänzend können standardisierte psychometrische Fragebögen (z.B. das Beck-Angst-Inventar) vor und nach der Interventionsphase eingesetzt werden, um eine Veränderung der allgemeinen Angstsymptomatik zu erfassen.
Darüber hinaus gewinnt die Messung physiologischer Parameter an Bedeutung. Biofeedback-Systeme können Daten wie Herzfrequenzvariabilität (HRV), Hautleitfähigkeit und Atemfrequenz in Echtzeit erfassen. Diese objektiven Stressindikatoren ermöglichen eine noch präzisere Steuerung der Expositionsintensität und liefern einen quantifizierbaren Nachweis für die emotionale Regulation des Patienten. Die Kombination dieser Methoden liefert ein umfassendes Bild über die Wirksamkeit der Intervention.
Wie Sie VR-Therapie in 4 Schritten in die klinische Routine integrieren
Die Einführung von VR-Therapie in eine bestehende Praxis oder Klinik erfordert mehr als nur den Kauf eines Headsets. Es ist ein strategischer Prozess, der technische, organisatorische und personelle Aspekte umfasst. Eine schrittweise Implementierung hilft, das Team mitzunehmen, Prozesse anzupassen und eine hohe Qualität der Behandlung von Anfang an sicherzustellen.
Schritt 1: Indikationsstellung und Auswahl der Software. Definieren Sie klar, für welche Patientengruppen und Störungsbilder Sie VR einsetzen möchten (z.B. spezifische Phobien, soziale Angst, PTBS). Evaluieren Sie darauf basierend die verfügbare evidenzbasierte Software. Achten Sie auf Zertifizierungen, wissenschaftliche Validierung und die Möglichkeit zur individuellen Anpassung der Szenarien.
Schritt 2: Technische Einrichtung und Raumkonzept. Schaffen Sie einen dedizierten Raum für die VR-Therapie. Dieser sollte ausreichend Platz für Bewegungen (mind. 2×2 Meter freie Fläche), eine stabile Internetverbindung und eine bequeme Sitzgelegenheit bieten. Stellen Sie sicher, dass die Hardware (PC, Headset, Controller) reibungslos funktioniert und die Hygienevorschriften (z.B. durch austauschbare Gesichtsmasken) eingehalten werden.
Schritt 3: Schulung des therapeutischen Personals. Der Erfolg hängt maßgeblich von der Kompetenz der Anwender ab. Das Personal muss nicht nur in der Bedienung der Hard- und Software geschult werden, sondern vor allem in der therapeutischen Begleitung der VR-Sitzungen. Dazu gehören die Steuerung der Exposition, die Reaktion auf Unwohlsein (Cybersickness) und die Integration der VR-Erfahrung in den Gesamttherapieplan.
Schritt 4: Integration in die Arbeitsabläufe und Dokumentation. Verankern Sie die VR-Therapie fest in Ihren klinischen Abläufen. Legen Sie fest, wie Termine geplant, Sitzungen abgerechnet und Fortschritte dokumentiert werden. Die Erfassung von Evaluationsdaten (SUDS, Fragebögen) sollte standardisiert erfolgen, um die Wirksamkeit nachzuweisen und die Behandlungsqualität kontinuierlich zu verbessern.
Wie Sie VR-sensible Patientengruppen identifizieren und mit adaptiven Strategien schützen
Obwohl VR-Therapie ein mächtiges Werkzeug ist, ist sie nicht für jeden Patienten gleichermaßen und ohne Anpassungen geeignet. Die Identifizierung von potenziell sensiblen Patientengruppen im Vorfeld ist ein wichtiger Teil der therapeutischen Sorgfaltspflicht. Es geht nicht darum, diese Patienten auszuschließen, sondern die Intervention so zu adaptieren, dass sie sicher und wirksam ist.
Die wichtigste Gruppe sind Patienten mit einer hohen Anfälligkeit für Kinetosen (Reisekrankheit). Ein einfaches Anamnesegespräch („Wird Ihnen im Auto oder auf Schiffen schnell übel?“) kann hier bereits erste Hinweise geben. Für diese Patienten ist eine besonders langsame Einführung mit sehr kurzen Sitzungen (anfangs nur 5-10 Minuten) und die konsequente Anwendung von Präventionsmaßnahmen gegen Cybersickness (siehe Abschnitt 4) zwingend erforderlich.
Eine weitere Gruppe sind Patienten mit bestimmten neurologischen oder vestibulären Vorerkrankungen, wie Epilepsie oder Morbus Menière. Hier ist eine enge Rücksprache mit dem behandelnden Facharzt vor Beginn einer VR-Intervention unerlässlich, um Risiken auszuschließen. Visuelle Trigger in der VR könnten potenziell Anfälle auslösen, auch wenn moderne Hardware dieses Risiko minimiert.
Zuletzt sollten Therapeuten bei Patienten mit schweren psychotischen Störungen oder dissoziativen Symptomen besonders achtsam sein. Die immersive Natur der VR könnte hier die Grenze zwischen Realität und Illusion zusätzlich verschwimmen lassen. In diesen Fällen sollte der Einsatz von VR nur durch sehr erfahrene Therapeuten und in einem hochstrukturierten Setting erwogen werden, falls überhaupt. Der Fokus sollte immer auf der Stabilisierung des Patienten liegen. Eine adaptive Strategie bedeutet, im Zweifel immer den konservativeren, sichereren Weg zu wählen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Wirksamkeit von VR liegt in der kontrollierten, dosierbaren Exposition, die eine sichere und wiederholbare Konfrontation mit Angstauslösern ermöglicht.
- Ein strukturierter Phasenplan und die aktive Prävention von Cybersickness sind entscheidend für die Akzeptanz und den Erfolg der therapeutischen Intervention.
- Der wahre Wert von VR-Therapie zeigt sich erst durch eine valide Evaluation mittels subjektiver Skalen (SUDS) und objektiver physiologischer Daten.
Wie Sie personalisierte VR-Diagnostik und -Therapie in Ihre Versorgung integrieren können
Die Zukunft der VR-Therapie liegt in der Personalisierung. Statt auf standardisierte Szenarien zurückzugreifen, ermöglichen moderne Plattformen und künstliche Intelligenz eine immer präzisere Anpassung der virtuellen Umgebung an die spezifischen Bedürfnisse und Trigger des einzelnen Patienten. Dieser Ansatz steigert nicht nur die Effizienz der Behandlung, sondern auch das Engagement und die Therapietreue der Patienten erheblich. Die Integration beginnt bereits bei der Diagnostik.
Mithilfe von VR können Verhaltensmuster und Angstreaktionen in standardisierten, aber realistischen Situationen beobachtet und aufgezeichnet werden. Ein Patient mit sozialer Phobie kann beispielsweise in einem virtuellen Meeting platziert werden, während sein Blickverhalten, seine Sprechanteile und seine physiologischen Reaktionen (z.B. über Biofeedback) analysiert werden. Dies liefert dem Therapeuten objektive Daten, die weit über das hinausgehen, was in einem reinen Gespräch möglich ist. Die Diagnostik wird dadurch präziser und die Therapieziele können schärfer formuliert werden.
Auf dieser Basis kann die Therapie selbst personalisiert werden. Die virtuellen Szenarien werden mit den spezifischen Angstauslösern des Patienten angereichert. Ein Patient mit einer posttraumatischen Belastungsstörung kann schrittweise mit Elementen seiner traumatischen Erinnerung konfrontiert werden – in einer vom Therapeuten jederzeit steuerbaren Intensität. Adaptive Algorithmen können die Schwierigkeit der Szenarien sogar in Echtzeit an die Reaktionen des Patienten anpassen, um ihn konstant in einem optimalen therapeutischen Fenster zwischen Unter- und Überforderung zu halten.
Die Integration dieser personalisierten Ansätze ist der logische nächste Schritt für jede Praxis, die VR-Therapie ernsthaft betreiben möchte. Es bedeutet einen Wandel von der Anwendung vorgefertigter Module hin zur Gestaltung maßgeschneiderter therapeutischer Erlebnisse. Dies erfordert eine kontinuierliche Weiterbildung und die Bereitschaft, neue technologische Möglichkeiten als integralen Bestandteil der therapeutischen Kunst zu begreifen.
Beginnen Sie noch heute damit, VR nicht nur als Technologie, sondern als ein hochwirksames, personalisierbares Instrument für nachweisbare therapeutische Erfolge zu betrachten. Die strukturierte und evidenzbasierte Integration in Ihre Praxis ist der entscheidende Schritt, um das volle Potenzial für Ihre Patienten zu entfalten.
Häufige Fragen zu VR-Therapie und immersives Lernen für nachweisbare Ergebnisse
Wie misst man Cybersickness objektiv während der VR-Session?
Physiologische Parameter wie Hautleitfähigkeit, Herzrate, Herzratenvariabilität, Pupillenreaktion und Atemfrequenz während der VR-Exposition können objektiv erfasst werden, um den Grad der Cybersickness zu bestimmen.
Welche validierten Skalen eignen sich für In-Session-Messungen?
Die ‚Subjective Units of Distress Scale‘ (SUDS) ist eine weit verbreitete und validierte Skala, bei der Patienten ihren subjektiven Stresslevel auf einer Skala von 0 bis 100 angeben. Sie eignet sich hervorragend für die Messung während der Sitzung.
Ist VR-Therapie genauso effektiv wie traditionelle Exposition?
Ja, die Evidenz deutet stark in diese Richtung. Eine umfassende Literaturanalyse aus dem Jahr 2025 zeigt, dass die Virtual-Reality-Expositionstherapie (VRET) bei der Behandlung von Angststörungen eine ähnliche Wirksamkeit aufweist wie eine Exposition in der realen Welt.