Veröffentlicht am März 11, 2024

Der erfolgreiche Einsatz von AR in der Industrie entscheidet sich nicht beim Kauf der teuersten Brille, sondern bei der intelligenten Integration in die Arbeitsabläufe und der Akzeptanz durch die Mitarbeiter.

  • AR reduziert Fehler primär durch kognitive Entlastung: Techniker müssen sich nicht mehr an komplexe Schritte erinnern, sondern folgen visuellen Anweisungen in Echtzeit.
  • Die Überwindung von Widerständen bei erfahrenen Mitarbeitern durch Co-Creation und transparente KPIs ist entscheidender für den ROI als die Hardware selbst.

Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit der Hardware-Auswahl, sondern mit der Identifizierung eines einzigen, hochkritischen Arbeitsprozesses, bei dem menschliche Fehler kostspielig sind. Beziehen Sie Ihre besten Techniker von Anfang an in die Gestaltung des AR-Workflows mit ein.

Als Operations-Manager stehen Sie täglich vor der Herausforderung, die Produktivität zu steigern, während Fehlerquoten und Einarbeitungszeiten für komplexe Maschinen hoch bleiben. Der Fachkräftemangel und der drohende Wissensverlust durch den demografischen Wandel verschärfen diese Situation. In diesem Kontext wird Augmented Reality (AR) oft als technologische Wunderwaffe präsentiert, die digitale Informationen direkt ins Sichtfeld des Technikers projiziert und so die Effizienz revolutionieren soll.

Die gängige Vorstellung ist, dass die Anschaffung einer modernen AR-Brille allein ausreicht, um Probleme zu lösen. Man spricht von digitalen Zwillingen, Remote-Unterstützung und der Fabrik der Zukunft. Doch viele Pilotprojekte scheitern oder bleiben hinter den Erwartungen zurück, weil sie den entscheidenden Faktor übersehen: Es geht nicht nur darum, was die Technologie kann, sondern wie sie vom Menschen angenommen und genutzt wird. Der Widerstand erfahrener Techniker und eine fehlende Einbettung in die realen Abläufe auf dem Shopfloor sind die wahren Hürden.

Doch was wäre, wenn der Schlüssel zum Erfolg nicht in der fortschrittlichsten Hardware, sondern in einem tiefen Verständnis der menschlichen Arbeitsweise liegt? Wenn die wahre Stärke von AR nicht die beeindruckende Visualisierung ist, sondern die gezielte kognitive Entlastung des Mitarbeiters? Dieser Artikel bricht mit der reinen Technik-Diskussion. Er zeigt Ihnen als praxisorientiertem Entscheider, wie Sie AR strategisch einsetzen, um das Gehirn Ihrer Techniker von unnötigem Ballast zu befreien, die Akzeptanz im Team zu sichern und so messbare Ergebnisse wie halbierte Fehlerquoten und drastisch verkürzte Einarbeitungszeiten zu erzielen. Wir beleuchten den gesamten Prozess – von der psychologischen Grundlage über die Workflow-Entwicklung und Hardware-Auswahl bis hin zur Erfolgsmessung mit agilen KPIs.

Dieser Leitfaden bietet Ihnen eine strukturierte Roadmap, um Augmented Reality von einem gehypten Konzept in ein produktives Werkzeug für Ihre Fertigung zu verwandeln. Entdecken Sie die entscheidenden Schritte und Strategien, um die Effizienz auf Ihrem Shopfloor nachhaltig zu steigern.

Warum machen Techniker mit AR-Anleitung halb so viele Fehler wie ohne?

Die drastische Reduzierung von Fehlern bei AR-gestützten Prozessen ist kein technologisches Wunder, sondern das direkte Ergebnis eines psychologischen Prinzips: der kognitiven Entlastung. Bei einer komplexen Montage- oder Wartungsaufgabe muss ein Techniker normalerweise mehrere Informationsquellen gleichzeitig verwalten: das gedruckte Handbuch konsultieren, sich an die letzte Schulung erinnern, die richtigen Teile identifizieren und die korrekte Reihenfolge der Schritte im Gedächtnis behalten. Diese mentale Dauerbelastung, auch „Cognitive Load“ genannt, ist eine Hauptursache für menschliche Fehler, insbesondere unter Zeitdruck oder bei selten durchgeführten Aufgaben.

AR-Systeme greifen genau hier ein. Anstatt Informationen abrufen und interpretieren zu müssen, erhält der Techniker die exakt benötigte Anweisung im exakt richtigen Moment und am exakt richtigen Ort – direkt auf das Bauteil projiziert. Die Aufgabe wird in kleine, verdauliche Schritte zerlegt. Die Frage „Welche Schraube kommt als Nächstes wohin?“ wird visuell beantwortet, bevor sie überhaupt bewusst gestellt wird. Das Arbeitsgedächtnis wird entlastet und kann seine volle Kapazität auf die eigentliche manuelle Ausführung konzentrieren. Dies minimiert Ablenkungen, reduziert Unsicherheit und steigert die Prozesssicherheit signifikant.

Nahaufnahme eines Arbeiters mit AR-Brille bei der Interaktion mit einem digitalen Zwilling an einer Industriemaschine.

Diese Methode transformiert komplexe Prozeduren in eine intuitive „Malen-nach-Zahlen“-Anleitung. Das Potenzial ist enorm, denn wie Studien belegen, bieten Augmented Reality gestützte Assistenzsysteme ein hohes Potenzial zur Fehlerreduzierung, nicht nur in der Fertigung, sondern auch in Schulungsszenarien. Indem das „Was“ und „Wo“ visuell vorgegeben wird, kann sich der Mitarbeiter voll auf das „Wie“ – die Qualität seiner handwerklichen Tätigkeit – fokussieren. Das Ergebnis ist eine höhere Erstlösungsquote (First-Time-Fix-Rate) und eine spürbar geringere Fehlerrate.

Wie Sie AR-Workflows in 6 Schritten von der Konzeption bis zum Shopfloor-Einsatz entwickeln

Die Erstellung einer effektiven AR-Anleitung ist ein strukturierter Prozess, der weit über die reine Programmierung hinausgeht. Es geht darum, das implizite Wissen Ihrer erfahrensten Experten in einen digitalen, leicht verständlichen Workflow zu überführen. Dieser Prozess stellt sicher, dass die AR-Lösung nicht an der Realität des Shopfloors vorbeientwickelt wird. Ein solides Fundament ist hierbei entscheidend. Wie Experten betonen, ist die Erstellung präziser 3D-Modelle der realen Umgebung ein kritischer erster Schritt. So erklärt beispielsweise das auf Industrielösungen spezialisierte Unternehmen XRify in einem Beitrag auf Ingenieur.de: „Um die Planung von Beginn an auf ein solides Fundament zu stellen, konstruieren wir für Unternehmen präzise 3D-Zwillinge ihrer Fabriken und machen diese mit Augmented-Reality-Brillen erlebbar.“

Dieser Ansatz, die Realität präzise zu digitalisieren, ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung praxisnaher Arbeitsanweisungen. Die folgenden Schritte bieten eine bewährte Roadmap von der ersten Idee bis zum produktiven Einsatz.

Ihr Fahrplan zur AR-Implementierung: Von der Analyse zum Rollout

  1. Bedarfsanalyse und Prozessauswahl: Identifizieren Sie Arbeitsabläufe mit hohem Fehlerpotenzial, langen Einarbeitungszeiten oder komplexen manuellen Schritten. Priorisieren Sie Prozesse, bei denen eine Verbesserung den größten Business Impact hat.
  2. Digitalisierung des Expertenwissens: Führen Sie strukturierte Interviews und beobachten Sie Ihre besten Techniker bei der Arbeit. Dokumentieren Sie jeden Klick, jeden Handgriff und jede „Wenn-Dann“-Entscheidung. Dies ist das Gold, aus dem Ihr AR-Workflow entsteht.
  3. Tool-Auswahl und Authoring: Entscheiden Sie sich für eine Authoring-Plattform. No-Code/Low-Code-Plattformen ermöglichen eine schnelle Erstellung von Anleitungen durch Ihre eigenen Prozess-Experten, ohne Programmierkenntnisse. SDKs bieten mehr Flexibilität für komplexe, individuelle Anforderungen.
  4. Erstellung des Digitalen Zwillings und Workflows: Integrieren Sie vorhandene CAD-Daten oder erstellen Sie 3D-Modelle der relevanten Komponenten. Verknüpfen Sie diese Modelle mit den zuvor dokumentierten Arbeitsschritten, um eine visuelle Schritt-für-Schritt-Anleitung zu erstellen.
  5. Pilot-Test und iterative Verfeinerung: Testen Sie den ersten Entwurf mit einer kleinen Gruppe von Endanwendern (sowohl Neulinge als auch Experten). Sammeln Sie Feedback: Sind die Anweisungen klar? Ist das Tempo angemessen? Nutzen Sie diese Rückmeldungen, um den Workflow zu optimieren.
  6. Rollout und kontinuierliche Optimierung: Beginnen Sie den Rollout in einer Abteilung oder an einer Linie. Schulen Sie die Mitarbeiter und definieren Sie klare Ansprechpartner. Nutzen Sie AR-Analytics, um die Nutzung zu überwachen und den Prozess kontinuierlich zu verbessern.

Head-mounted Display oder Handheld-AR: Was passt zu Ihrer Produktionsumgebung?

Die Wahl der richtigen Hardware ist eine der zentralen Entscheidungen bei der AR-Implementierung. Die Diskussion dreht sich meist um zwei Hauptkategorien: Head-mounted Displays (HMDs) wie die HoloLens oder RealWear Navigator und Handheld-Geräte wie robuste Industrie-Tablets oder Smartphones. Die Entscheidung sollte nicht auf Basis von technischen Datenblättern allein getroffen werden, sondern muss sich an den spezifischen Anforderungen des Arbeitsplatzes und der Aufgabe orientieren. Die entscheidende Frage lautet: Muss der Techniker bei der Arbeit beide Hände frei haben?

Bei komplexen Montage- oder Reparaturarbeiten, bei denen der Mitarbeiter Werkzeuge bedienen und gleichzeitig präzise manuelle Tätigkeiten ausführen muss, sind HMDs klar im Vorteil. Sie ermöglichen eine kontinuierliche visuelle Führung, ohne den Arbeitsfluss zu unterbrechen. Für Inspektions-, Qualitätskontroll- oder Dokumentationsaufgaben, bei denen eine Hand frei ist, um ein Gerät zu halten, kann ein Tablet eine kostengünstigere und oft leichter zu integrierende Alternative sein. Weitere wichtige Kriterien sind die Umgebungsbedingungen (Staub, Feuchtigkeit, Explosionsgefahr erfordern ATEX-Zertifizierungen), die benötigte Akkulaufzeit für eine komplette Schicht und natürlich das Budget.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Stärken und Schwächen der gängigsten Gerätetypen für industrielle Anwendungen, basierend auf einer Analyse von Industriepartnern.

Vergleich von AR-Hardware für industrielle Anwendungen
Kriterium HoloLens 2 (HMD) RealWear Navigator (HMD) Tablet/Smartphone (Handheld)
Hände frei Ja Ja Nein
Sichtfeld (FOV) Erweitertes stereoskopisches FOV Monokulares Display (wie ein kleiner Bildschirm) Begrenzt auf Bildschirmgröße
Gewicht 566g ~300g 200-500g
Batterielaufzeit 2-3 Stunden (aktiv) 8-10 Stunden 4-8 Stunden
ATEX-Zertifizierung Mit Industrial Edition verfügbar Verfügbar Selten

Warum lehnen 55% der erfahrenen Techniker über 50 AR-Unterstützung ab?

Trotz des enormen Potenzials stoßen AR-Initiativen oft auf eine unerwartete Hürde: den Widerstand erfahrener Mitarbeiter. Eine oft zitierte, wenn auch schwer zu belegende Zahl aus Branchenkreisen besagt, dass über die Hälfte der Techniker jenseits der 50 neuen AR-Tools skeptisch gegenübersteht. Dieser Widerstand ist selten irrational oder rein technologiefeindlich. Er wurzelt in tiefsitzenden, legitimen Bedenken, die jeder Operations-Manager ernst nehmen muss. Ein zentraler Punkt ist die Angst vor Kontrolle und Dequalifizierung. Ein Werkzeug, das jeden Schritt vorgibt und potenziell aufzeichnet, kann als Misstrauensvotum gegen die über Jahre aufgebaute Expertise und Intuition empfunden werden. Der Gedanke „Die Maschine sagt mir jetzt, wie ich meinen Job zu machen habe, den ich seit 30 Jahren mache“ ist eine reale Sorge.

Weitere Gründe sind die Sorge vor einer umständlichen Bedienung, die den etablierten Arbeitsfluss stört, sowie Datenschutzbedenken bezüglich der aufgezeichneten Daten. Paradoxerweise planen laut Studien rund 75% der deutschen Unternehmen den Einsatz von AR/VR, was den Druck zur Lösung dieser Akzeptanzprobleme erhöht. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im „Acceptance Engineering“: der proaktiven Gestaltung des Einführungsprozesses, um Vertrauen aufzubauen und den Nutzen für den Mitarbeiter in den Vordergrund zu stellen.

Effektive Strategien zur Steigerung der Akzeptanz umfassen:

  • Co-Creation von AR-Workflows: Beziehen Sie Ihre erfahrensten Techniker als Autoren und Mentoren in die Erstellung der digitalen Anleitungen ein. Ihre Expertise wird so nicht ersetzt, sondern digitalisiert und für andere verfügbar gemacht. Das wandelt sie von Betroffenen zu Gestaltern.
  • Betonung des persönlichen Nutzens: Kommunizieren Sie klar, wie AR die Arbeit erleichtert, z. B. durch die Vereinfachung der oft ungeliebten Dokumentationspflicht oder durch schnellen Zugriff auf Daten, ohne zum PC laufen zu müssen.
  • Freiwillige Pilotprojekte: Starten Sie mit einer Gruppe von „Early Adopters“ und lassen Sie diese positiven Erfahrungen organisch ins restliche Team wirken. Der soziale Beweis durch Kollegen ist überzeugender als jede Anweisung des Managements.
  • Transparente Kommunikation zur Datennutzung: Legen Sie offen, welche Daten erfasst werden und dass das Ziel die Prozessoptimierung ist, nicht die individuelle Leistungskontrolle. Die Einhaltung der DSGVO ist hierbei selbstverständlich.

Wie Sie AR-Analytics nutzen, um Arbeitsabläufe kontinuierlich zu optimieren

Die Einführung von Augmented Reality ist kein einmaliges Projekt, sondern der Beginn eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Die wahre Stärke von digitalisierten Arbeitsanweisungen liegt nicht nur in der fehlerfreien Ausführung, sondern auch in der Möglichkeit, wertvolle Daten über die realen Abläufe zu sammeln. Dies wird als AR-Analytics oder Prozessintelligenz bezeichnet. Jede Interaktion des Nutzers mit der AR-Anwendung – jeder bestätigte Schritt, jede aufgerufene Hilfe, jede Zeitmessung pro Aufgabe – generiert einen Datenpunkt. Diese Daten, anonymisiert und aggregiert, bieten einen beispiellosen Einblick in die Effizienz und die Schwachstellen Ihrer Produktions- und Wartungsprozesse.

Weitwinkelansicht einer modernen Produktionshalle mit dezenten AR-Analytics-Visualisierungen, die Datenflüsse andeuten.

Anstatt sich auf Bauchgefühl oder stichprobenartige Beobachtungen zu verlassen, können Sie datengestützte Entscheidungen treffen. Wo verweilen Mitarbeiter am längsten? An welchem Punkt werden am häufigsten Hilfestellungen angefordert? Gibt es signifikante Zeitunterschiede zwischen verschiedenen Schichten oder Standorten bei der Ausführung desselben Prozesses? Die Analyse dieser Daten ermöglicht es Ihnen, Engpässe zu identifizieren, Schulungsbedarf gezielt zu adressieren und die AR-Workflows selbst iterativ zu verbessern, um sie noch intuitiver und effizienter zu gestalten.

Praxisbeispiel: Rauh Hydraulik optimiert Montage mit AR

Ein konkretes Beispiel liefert das Maschinenbauunternehmen Rauh Hydraulik. Andreas Laubsch, Leiter des Außendienstes, beschreibt den Prozess in einem Interview mit dem Magazin ‚Produktion‘: Techniker scannen einen QR-Code an einer Hydraulik-Schlauchleitung mit einer AR-Brille. Die Brille zeigt sofort die benötigten Daten wie den exakten Einbauort an. Nach dem Einbau bestätigt der Monteur die Montage direkt über die Brille. Laubsch erklärt die Vorteile: „So wird zum einen die Montagezeit verkürzt, da der Monteur nicht lange Stücklisten wälzen muss und zum anderen für die Fertigungsplanung nachvollzogen werden muss, wie der Fortschritt der Montage aktuell ist.“ Diese direkte Rückmeldung des Montagestatus in Echtzeit ist ein perfektes Beispiel für gelebte AR-Analytics zur Prozesssteuerung.

Virtual Reality oder Augmented Reality: Welche Immersion passt zu Ihrem Use Case?

Im Kontext von XR-Technologien (Extended Reality) werden die Begriffe Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) oft synonym verwendet, doch sie beschreiben fundamental unterschiedliche Ansätze mit spezifischen Anwendungsfällen in der Industrie. Die richtige Wahl hängt von der zentralen Frage ab: Soll der Mitarbeiter mit der realen Welt interagieren oder in eine komplett simulierte Umgebung eintauchen? AR erweitert die Realität durch digitale Überlagerungen, während VR die Realität ersetzt.

AR ist das Werkzeug der Wahl für Aufgaben, die direkt an einer physischen Maschine oder einem realen Objekt stattfinden. Hierzu zählen Montage, Wartung, Qualitätskontrolle und Kommissionierung. Die Wahrnehmung der realen Umgebung bleibt vollständig erhalten und wird durch kontextbezogene Informationen angereichert. VR hingegen schafft eine vollständig künstliche, immersive Umgebung, die den Nutzer von der Außenwelt abschottet. Dies macht VR ideal für Trainings- und Simulationszwecke, insbesondere für Szenarien, die in der Realität zu gefährlich, zu teuer oder schlicht unmöglich zu reproduzieren wären. Beispiele sind das Training von Notfallprozeduren, die Simulation der Bedienung von Großanlagen oder das virtuelle Prototyping von neuen Produkten.

Die Entscheidung zwischen VR und AR ist somit eine strategische Weichenstellung für den anvisierten Use Case. Der wirtschaftliche Hebel ist dabei enorm. PwC prognostiziert in einer Studie, dass der weltweite Markt für AR und VR bis 2030 ein Potenzial von 1,5 Billionen US-Dollar erreichen könnte. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zusammen.

VR vs. AR: Anwendungsfälle in der Industrie
Kriterium Virtual Reality (VR) Augmented Reality (AR)
Immersion Vollständige Immersion in eine künstliche Welt Teilweise Überlagerung der realen Welt mit digitalen Infos
Hauptanwendung Training, Simulation, Design, Prototyping Echtzeit-Assistenz bei der Arbeit, Wartung, Service
Umgebungswahrnehmung Keine (Nutzer ist von der Realität abgeschottet) Vollständig erhalten und angereichert
Typische Hardware VR-Headset (z.B. Meta Quest, HTC Vive) AR-Brille (z.B. HoloLens) oder Tablet/Smartphone
Typischer Einsatzort Schulungszentrum, Büro Produktionshalle, Außendienst, direkt an der Maschine

Wie Sie agile KPIs einsetzen, um Teams zu stärken statt zu kontrollieren

Die Messung des Erfolgs einer AR-Implementierung erfordert ein Umdenken bei den Kennzahlen (KPIs). Traditionelle, auf reiner Effizienz basierende KPIs wie „erledigte Aufgaben pro Stunde“ können bei den Mitarbeitern den Eindruck von Überwachung erzeugen und die Akzeptanz untergraben. Agile KPIs hingegen konzentrieren sich auf den Outcome und die Befähigung des Teams, anstatt auf den reinen Output. Sie beantworten die Frage: „Macht die AR-Lösung unsere Mitarbeiter besser in ihrem Job?“ anstatt „Arbeiten sie schneller?“. Dieser Ansatz stärkt das Vertrauen und positioniert AR als unterstützendes Werkzeug, nicht als Kontrollinstrument.

Statt die Anzahl der getragenen Brillen zu zählen (ein klassischer Vanity-Metric), sollten Sie Metriken wählen, die den tatsächlichen Mehrwert widerspiegeln. Wie HoloLens Partner Deutschland betont, sind die Kernvorteile die „Reduzierung von Fehlern“ und eine „schnellere Einarbeitung“, da „visuelle Anleitungen und interaktive Checklisten Mitarbeiter dabei unterstützen, fehleranfällige Arbeitsschritte zu vermeiden.“ Genau diese Ergebnisse sollten Ihre KPIs abbilden.

Konzentrieren Sie sich auf folgende stärkende Kennzahlen, um den Erfolg Ihrer AR-Initiative zu messen und das Team zu motivieren:

  • First-Time-Fix-Rate (Erstlösungsquote): Wie oft wird eine Reparatur oder ein komplexer Prozess auf Anhieb korrekt abgeschlossen? Ein Anstieg dieser Quote ist ein direkter Indikator für die Qualität und Verständlichkeit Ihrer AR-Anleitungen.
  • Reduzierte Rückfragen an Experten: Messen Sie die Anzahl der Anrufe oder Anfragen an leitende Techniker oder den Support. Eine sinkende Zahl zeigt, dass die Mitarbeiter durch die AR-Unterstützung selbstständiger und sicherer werden.
  • User Adoption Rate (Freiwillige Nutzungsrate): Erfassen Sie, wie viele Mitarbeiter die AR-Lösung freiwillig nutzen, insbesondere wenn alternative Methoden noch verfügbar sind. Eine hohe freiwillige Nutzung ist das stärkste Zeichen für die Akzeptanz und den wahrgenommenen Nutzen.
  • Time-to-Competence für neue Mitarbeiter: Wie lange dauert es, bis ein neuer Mitarbeiter einen komplexen Prozess selbstständig und fehlerfrei ausführen kann? Eine signifikante Verkürzung dieser Zeit ist ein massiver ROI-Hebel.
  • Qualität der Ergebnisse: Messen Sie nachgelagerte Qualitätsmetriken wie Ausschussraten oder Kundenreklamationen, die mit dem AR-gestützten Prozess in Verbindung stehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • AR-Erfolg basiert auf kognitiver Entlastung, nicht auf technischem Schnickschnack. Es befreit das Arbeitsgedächtnis und reduziert so Fehler.
  • Die Akzeptanz erfahrener Mitarbeiter ist die größte Hürde. Binden Sie sie als Co-Autoren in die Workflow-Erstellung ein, um Widerstände in Engagement zu verwandeln.
  • Messen Sie, was zählt: Statt auf Nutzungsdauer oder Geräteanzahl zu blicken, fokussieren Sie sich auf Outcome-Metriken wie die Erstlösungsquote (First-Time-Fix-Rate) und die verkürzte Einarbeitungszeit.

Wie Sie VR und AR produktiv nutzen jenseits von Gaming und Entertainment

Während Virtual und Augmented Reality ihre Wurzeln im Gaming- und Entertainment-Sektor haben, hat sich ihr produktiver Wert in der Industrie längst etabliert. Der strategische Einsatz dieser Technologien geht weit über die reine Visualisierung hinaus und schafft konkrete Wettbewerbsvorteile in zentralen Unternehmensbereichen. Wie eine Studie von IDG Research Services und PTC zeigt, liegt der Haupteinsatz von AR/VR in deutschen Unternehmen in der Aus- und Weiterbildung. Dies unterstreicht den Trend, Wissen effizienter und praxisnäher zu vermitteln.

Die produktiven Anwendungsfälle lassen sich in drei Kernbereiche gliedern:

  1. Wissenstransfer und Schulung (VR/AR): Neue Mitarbeiter können in sicheren, virtuellen Umgebungen komplexe Maschinen bedienen oder Wartungsarbeiten simulieren. AR-Anleitungen ermöglichen „Training-on-the-job“ und beschleunigen die Einarbeitung direkt in der Produktionsumgebung.
  2. Prozessoptimierung und Arbeitsassistenz (AR): Wie in diesem Artikel ausführlich dargestellt, unterstützen AR-Systeme Mitarbeiter in Echtzeit bei Montage, Wartung, Kommissionierung und Qualitätskontrolle. Sie reduzieren Fehler, standardisieren Prozesse und vereinfachen die Dokumentation.
  3. Planung und Design (VR/AR): Schon vor dem Bau einer neuen Fertigungslinie können Ingenieure und Planer diese virtuell begehen, ergonomische Schwachstellen identifizieren und Materialflüsse optimieren. Unternehmen wie XRify nutzen Lidar-Scanner, um hochpräzise digitale Zwillinge bestehender Fabriken zu erstellen, die dann als Basis für Umbau- und Erweiterungsplanungen in AR dienen.

Die Entscheidung für AR oder VR ist dabei immer eine Frage des Kontexts: Benötigen Sie eine digitale Schicht über der Realität (AR) oder eine komplett neue, simulierte Realität (VR)? Die intelligente Kombination beider Technologien ermöglicht es Unternehmen, den gesamten Lebenszyklus eines Produkts und einer Fabrik – vom Design über die Produktion bis hin zum Service – effizienter und sicherer zu gestalten.

Beginnen Sie nicht mit der Suche nach der perfekten AR-Brille, sondern mit der Analyse Ihrer kritischsten Arbeitsprozesse. Identifizieren Sie noch heute den einen Anwendungsfall, bei dem menschliche Fehler kostspielig sind und kognitive Entlastung den größten Hebel für Ihre Produktivität darstellt. Das ist der erste, entscheidende Schritt zur erfolgreichen Implementierung von Augmented Reality in Ihrem Unternehmen.

Geschrieben von Stefan Müller, Stefan Müller ist Digital-Transformation-Manager und KI-Ethik-Berater mit 15 Jahren Erfahrung in der Digitalisierung etablierter Unternehmen. Er ist derzeit Chief Digital Officer bei einem traditionellen Industrieunternehmen und hält Zertifizierungen in Enterprise Architecture (TOGAF) sowie Certified AI Ethics Professional.